Bennos


Blog

Von der Normandie nach Irland

Eintrag vom 28.06.2018
Strecke anzeigen

Entfernung (Luftlinie): 593,93 km
Max. Höhenunterschied: 76 m


Franceville-Plage - Colleville-sur-Mer (64km)

Die Strecke verlief mehr oder weniger immer am Meer, oder zumindest in dessen Sichtweite, entlang. Kühle Atlantikluft wehte mir an diesem traumhaften Tag stets um die Ohren.

Heute hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Ich trat in die Pedale, als wäre ich von einer Tarantel gestochen worden, überholte „unbepackte“ Radler und einmal auch eine ganze Gruppe, was die Autofahrer hinter mir nicht so prickelnd fanden. Aber was soll’s, ich bin schließlich auch ein Verkehrsteilnehmer, der - wenn auch langsam - noch langsamere Vehikel überholen darf. Im Ignorieren von Hupen bin ich mittlerweile geübt.

In Bénouville an der „Pegasus-Brücke“ über die Orne nahm ich mein Frühstück ein und staunte über die vielen Touristen aus aller Welt.

An der Pegasus-Brücke
Frühstück an der Pegasus-Brücke
In Courseulles-sur-Mer
In Courseulles-sur-Mer

Tagesziel war heute Colleville-sur-Mer, der östlichen Begrenzung des Omaha Beach. Bereits ab Asnelles konnte man Spuren der Operation Neptune im Meer in Form von rostenden Landungsbooten und verrottenden Pontons erkennen. Auch die westliche Begrenzung des Omaha Beach, die Steilküste hinter St. Laurent-sur-Mer, zeichnete sich schon lange am Horizont ab.

Ich beschloss, mir einen Tag Zeit zu nehmen, um diesen historisch bedeutsamen Ort zu erkunden.

Colleville und Umgebung (zu Fuß)

Nach einem vernünftigen Frühstück machte ich mich gegen zehn Uhr per Pedes auf den Weg in Richtung Omaha Beach. Das erste Museum - neben dem amerikanischen Soldatenfriedhof - wartete mit einer Sicherheitskontrolle auf und bot neben vielen Geschichten über gefallene Kriegshelden unzählige Ausstellungsstücke von dem, was die Soldaten damals im Einsatz bei sich trugen - 35kg Marschgepäck waren der Standard.

Etwas befremdlich wirkte auf mich der gesamte touristische Verkehr. Menschen wurden in Bussen, gechartert von Unternehmen mit Namen wie „Battlebus“ oder “OverlordTours”, zu Hunderten ausgekippt und strömten mehr oder weniger lautstark über den Soldatenfriedhof, der sich im Grunde schon ob seiner Funktion als Ruhestätte jeglichen Lärm verbittet. Drei junge Japanerinnen mit Glitzer-Basecaps und zu tiefen Ausschnitten machten Duck-Face-Selfies vor den Flaggen der Alliierten und eine Führerin einer Reisegruppe stellte die rhetorische Frage: „I hope you enjoyed the trip?“ - „Ja, war total schön hier...“.

Soldatenfriedhof Omaha Beach
Soldatenfriedhof Omaha Beach

Ich verließ das Gelände der Gedenkstätte und ging hinunter zum Strand, der, wenn man die Historie nicht kennen würde, ein wunderschöner Badestrand sein könnte. Auf der gesamten Strecke bis St. Laurent-sur-Mer war - neben zwei oder drei Bunkern, die links neben mir noch aus den grünen Hügeln hervorlugten - vom damaligen Kriegsschauplatz nichts mehr zu erkennen. Absolut surreal, wenn man sich vorstellt, dass hier an einem einzigen Tag mehr als 200.000 Soldaten landeten und innerhalb weniger Stunden zigtausende - auf beiden Seiten - starben.

Omaha Beach heute
Nichts erinnert mehr an damals

Gegen Nachmittag ging ich in das Restaurant L‘Omaha. Internationale Küche und englischsprechende junge Kellner zeichneten den Laden aus. Ich bestellte - wenn auch mit der Befürchtung, er bleibt mir im Halse stecken - einen „Omaha-Burger“, der im Gegensatz zu seinem geschmacklosen Namen durchaus genießbar war.

Restaurant L‘Omaha
Restaurant L‘Omaha

Die Alternative wäre übrigens das Restaurant D-Day gewesen - ich erspare mir aber mal einen weiteren Kommentar zum Thema Geschmacklosigkeit.

Auf dem Rückweg besuchte ich das private „Overlord-Museum“. Es inszenierte das Geschehen in Form von wirklich gut gemachten Puppen, welche in Originaluniformen und -kriegsgerät posierten. Auch viele Fahrzeuge von damals waren ausgestellt. So konnte man sich die bis zu 45t schweren Panzer, die berüchtigte 8,8cm Flak und einen 8t schweren Hebekran, welcher für die Feldreparatur der Panzer diente, einmal aus der Nähe ansehen. Beim Anblick dieser Ungetüme lief es mir oftmals kalt den Rücken herunter. Auch die Puppen wirkten in Gestik und Mimik sehr bedrohlich und real, so dass ich manchmal vergaß, dass die Exponate längst Geschichte geworden sind.

Vor dem Overlord-Museum
Originaler Sherman-Panzer

Am Abend wollte ich im Restaurant des Hotels noch etwas essen. Doch es hatte - wie bereits am Vorabend - geschlossen. Der Hunger zwang mich aufs Rad und so fuhr ich wieder nach St. Laurent-sur-Mer, wo ich erneut im L‘Omaha landete.

Abends strahlte der Strand noch einmal eine ganz andere Atmosphäre aus. Keine Touristen, nur Wind und aufziehender Nebel und die damit verbundene Kälte dominierten den kleinen Ort. Fröstelnd fuhr ich zurück ins Hotel und hatte eine ganze Weile damit zu tun, das Gesehene zu verarbeiten.

Omaha Beach am Abend
Omaha Beach am Abend

Colleville-sur-Mer - Saint-Hubert (60km)

Zu diesem Tag gibt es nur wenig zu berichten. Die Strecke war sehr entspannt und so kam ich bereits gegen halb vier auf dem Campingplatz an. Ich genoss ein Bier in der Bar und schloss einen Strandspaziergang an.

Veloroute Nummer 4
Schön ruhig ohne Autos

Auf einem Bunker unweit des Zeltplatzes fand ich diese Zeichnung, die ich sehr treffend fand:

Bunker nahe Foucarville
„Wer die Kinder ändert, verändert die Welt“

Als ich wiederkam, stand ein paar Meter neben meinem Zelt ein Weiteres. Davor ein „Nomad“ (Reiserad) der Firma Thorn. Der Besitzer war schnell ausfindig gemacht. Er saß in der Bar und verfolgte das Spiel Argentinien-Nigeria. Er wirkte sehr nervös und unausgeglichen, denn er rannte während der anderthalb Stunden Spielzeit mindestens acht Mal raus, um wie ein Verrückter an seiner Elektrokippe zu zerren. Ich habe wirklich noch nie jemanden so hektisch rauchen bzw. „dampfen“ (in meiner Welt ist es dasselbe) sehen. Als Argentinien das 2:1 erzielte, verließ er fluchtartig den Raum und war fort.

Saint-Hubert - Cherbourg (40km)

Am nächsten Morgen war der hibbelige Nomade natürlich schon weg. Schade eigentlich, ich hätte gern gewusst, wo seine Reise hingeht. Nun gut, es war bereits elf, als ich aufstand...

Die Strecke des heutigen Tages verlief fast ausnahmslos durch den faszinierenden Bocage. Diese - zum Teil bereits im Mittelalter gepflanzten - undurchdringlichen Hecken zeichnen das Landschaftsbild und vermitteln einem zunehmend ein Verständnis, warum die (Rück-)Eroberung der Normandie durch die Alliierten so lange gedauert hat und so schwierig war. Ohne eine vernünftige Karte oder Navigationssystem ist man in dieser Gegend wirklich aufgeschmissen, da man nie weit schauen kann und sich auch alles irgendwie ähnelt. Im Grunde fühlte es sich manchmal an wie ein einziges Labyrinth.

Als ich am Nachmittag in Cherbourg ankomme, plagt mich Hunger, denn ich hatte noch nichts gegessen, aber natürlich waren sämtliche Cuisines geschlossen. Gelandet bin ich schließlich - etwas genervt vom Suchen - bei McDonalds.

Zentrum Cherbourg
Im Zentrum von Cherbourg

Die Fähre nach Rosslare lag schon im Hafen, aber bis ich schließlich drauf war, vergingen noch zwei Stunden, die ich wartend im Autokorso, bei angenehmer Abendsonne, verbrachte. Beim Check-In wollte keiner meine Reservierung sehen. Die Dame am Schalter lachte nur und machte mir klar, dass ich der einzige Radfahrer sei und sie deswegen keine weiteren Unterlagen von mir bräuchte.

Am Fährhafen Cherbourg
Muli und die großen Brüder

Nun lagen gut 19 Stunden Überfahrt vor mir. Mir gelang es, eine Couch zu besetzen und zu halten. So konnte ich irgendwie - trotz Licht und plärrenden Fernsehern - bis früh um acht nahezu durchschlafen.

Auf der Fähre nach Irland
Guten Morgen...

Die restliche Zeit verbrachte ich mit Lesen und dem Pendeln zwischen dem Kaffeeautomaten und der Toilette. Fast auf die Minute genau legte die Fähre in Rosslare an und ich war froh, wieder aufsatteln zu können.

Rosslare - Yolegrove (32km)

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Linksverkehr, da man an jeder Kreuzung neu nachdenken muss. Auch die Straßen bestehen im Grunde nur aus Huckeln und Löchern, aber sonst ist es wunderschön hier in Irland. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie in einem riesigen grünen Garten, der ab und zu mal durch eine Straße am zuwachsen gehindert wird.

Vor Spencerstown
Herrlich, diese Ruhe

Gegen halb sieben kam ich in einem kleinen und gemütlichen Bed and Breakfast (B&B) an und wurde freudig von der Gastgeberin Sue empfangen. Es gibt drei Zimmer und ein Gemeinschaftsbad - für einen schmalen Taler (35€) aber definitiv empfehlenswert. In Frankreich hätte ich für denselben Preis vielleicht das Bett einmal streicheln dürfen...

Obwohl ich jetzt schon seit drei Stunden in Irland bin, habe ich noch kein einziges Schaf gesehen. Gibt es die hier überhaupt, wie uns die Werbung immer weiß machen will, oder sehen die hier vielleicht einfach aus wie Kühe?

Im B&B Winter Heights
Lautloser Rasenmäher