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Region Champagne-Ardenne

Eintrag vom 11.06.2018
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Entfernung (Luftlinie): 218,95 km
Max. Höhenunterschied: 259 m


Leiningen - Corny-sur-Moselle (75km)

Der Tag startete diesig, ich rechnete fest damit, heute völlig durchgeweicht zu werden. Ich fuhr gegen 10:00 Uhr los, in der Hoffnung, dass nicht schon alle Boulangeries geschlossen hätten.

Direkt hinter dem Campingplatz stieß ich auf einen weiteren Bunker. Ich kam zwar diesmal sehr nahe heran, aber ein Betreten war ob des Bewuchses mit Brennnesseln und diversen Sträuchern und Büschen, die ich nicht zu benennen mag, unmöglich. Die Natur holt sich eben alles zurück...

Bunker nahe Linstroff
Bunker nahe Linstroff

Etwas weiter habe ich wieder einmal ein Storchennest gesehen. Die gibt es in der Region wirklich häufig.

In Grostenquin
Unbeeindruckt schaut der Storch

Bingo! Dann war es soweit, die Boulangerie meines Vertrauens - eigentlich ein Tabak-Laden, der auch Teigwaren anbot - war geöffnet und versorgte mich mit Kaffee und zwei Croissants.

In Grostenquin
Französisches Frühstück

Plötzlich war der morgendliche Dunst wie weggeblasen. Es wurde schlagartig heiß, so dass es gegen 13:00 Uhr um die 39 Grad hatte. Das Kuriose war, dass überall um mich herum Wolken waren, nur nicht direkt über mir, stundenlang. Ich fühlte mich wie der Hauptdarsteller im Theater, den der Lichtmeister permanent mit dem 10.000W-Strahler verfolgt - oder wie die Ameise, die von einem ungezogenen Kind mit der Lupe schön kross gebrutzelt wird.

In Hémilly machte ich eine Pause in Schatten einer Kirche und aß ein paar Sonnenblumenkerne.

In Hémilly
Kirche in Hémilly

Ich fuhr an einem Denkmal für die Gefallenen des ersten Weltkriegs vorbei, machte kehrt und fuhr den Berg hinauf, wo sich die Kapelle und der Friedhof befanden. Vom sog. „Mont Saint Pierre“ hatte man einen überwältigenden Ausblick in alle Himmelsrichtungen.

Auf dem Mont Saint Pierre
Friedhof auf dem Mont Saint Pierre

Der weitere Verlauf der Strecke war von kleineren Straßen und Feldwegen geprägt. Schatten suchte ich an diesem Tage genauso vergeblich, wie eine Bar zum Einkehren.

Kurz vor Metz
Pferd und junges Fohlen

Das Schild „Boulodrome“ ließ mich stutzen, aber es war tatsächlich das, wofür ich es gehalten hatte, ein Bouleplatz. In glühender Hitze spielten die Leute dort Boule, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Besonders bemerkenswert fand ich die Art, wie die Kugeln wieder aufgenommen werden. Ein Magnet an einer langen Schnur erspart das Bücken, was besonders den älteren Semestern den ein oder anderen Hexenschuss ersparen dürfte.

In Marly
Auch kein Klischee

Auf dem Campingplatz wurde ich plötzlich von einem Deutschen angesprochen. Ich konnte ihn auf den ersten Blick nicht ausstehen, auf den zweiten noch weniger. Er war so ein klassischer Besserwisser und dazu schien er als Meinungsvertreter für die Bild-Zeitung zu arbeiten. Sympathisch wie Herr Gauland, aufdringlich wie diese Kärtchen am Auto... Erst, als ich mit Kochen fertig war und ihm nicht mehr antwortete - da man ja mit vollem Mund nicht spricht - ließ er von mir ab und ich hatte für zehn Minuten meine Ruhe. Dann kam Dieter.

Dieter fuhr ein Fahrrad, welches genauso bepackt war wie meins, aber zusätzlich noch einen Anhänger dran hatte. Obwohl seine Erscheinung eine Mischung aus Harald Juhnke und Räuber Hotzenplotz war, fand ich ihn sofort sympathisch. Er erzählte viel von seinen bisherigen Radreisen zum Nordkap, durch Frankreich, Italien und die baltischen Länder. Ich staunte nicht schlecht, als er mir erzählte, dass sie bei ihm vor 5 Jahren, da war er 64, Darmkrebs diagnostizierten. Er sagt, wenn er wieder zu Hause in Leipzig ist, geht er vielleicht mal zur Kontrolle. Radfahren sei sein Leben, er könne nicht anders und ließe sich das auch von keinem Arzt der Welt verbieten.

Corny-sur-Moselle - Dun-sur-Meuse (115km)

Bereits um 08:30 Uhr saß ich auf dem Sattel und fuhr los. Es war noch angenehm kühl und so fuhren sich die ersten 40 Kilometer des Tages fast von allein.

Nach Gorze
Nach langem Anstieg
Auf der D12
Endlose Weiten

Die Route führte heute durch absolutes Niemandsland. Winzige Dörfer, in denen vielleicht noch 30 Menschen wohnen, prägten das Landschaftsbild. Keine Kneipe, keine Geschäfte, nur ein paar Häuser beherbergten diese Käffer. Doch egal wie klein, eine Kirche oder wenigstens eine Kapelle habe ich immer entdeckt.

Gegen halb zwölf verspürte ich vermehrt den Wunsch nach etwas zu Beißen. Leider schien auf meiner Strecke kein Lokal zu kommen. Ich entschied mich daher für einen Umweg von ca. 10 Kilometern, um in Etain etwas zu essen. Retrospektiv betrachtet kann ich sagen, der Mehraufwand hat sich gelohnt.

In Etain
Mittagspause

Die weitere Strecke ging trotz der Wärme gut von der Hand. Einzig nervig waren die vielen Rapskäfer, die sich bei jeder kurzen Pause sofort auf meinen gelben Taschen niederließen, so dass diese nach kurzer Zeit nahezu schwarz wurden. Besonders gemein waren auch die Pferdebremsen, die sich lautlos auf der Radhose oder am Rücken niederlassen, um dann heimtückisch durch den Stoff hindurch zu beißen. Wenn man es merkt, tut es bereits weh und man hat danach einen ordentlichen Flatschen. Ich habe zudem festgestellt, dass die Viecher intelligent sein müssen, denn sie greifen mit Vorliebe an, wenn man sich an einem steilen Berg befindet, wo man nicht mal eben schnell davon fahren kann. Den Bremsen ist leider auch mein schöner Helmspiegel zum Opfer gefallen, da ich so wild rumfuchtelte, dass ich ihn aus Versehen mit der Hand erwischte und dabei abbrach. Doofe Insekten - Grrrr.

In Romagne-sous-les-Côtes
Erfrischung am Brunnen
Auf der D102
Bunker aus dem ersten Weltkrieg

Kurz vor Dun-sur-Meuse machte ich eine letzte Pause an einer Kirche. Zwei ältere Damen saßen auf einer Bank vor einem Haus und boten mir Wasser an. Ich lehnte dankend ab, war aber über die Hilfsbereitschaft sehr erfreut.

In Murvaux
Letzte Pause in Murvaux

Kaum hatte ich das Zelt aufgebaut, brach ein Unwetter los, was den angrenzenden Bach sofort um einige Zentimeter anschwellen ließ. Ich nutzte eine Regenpause, um mir schnell ein paar Nudeln zu kochen. Satt und stolz auf meine erste Etappe, die länger als 100 Kilometer war, fiel ich todmüde ins Bett.

In Dun-Sur-Meuse
Ohne Worte...

Dun-sur-Meuse - Chémery-sur-Bar (45km)

Wahrscheinlich steckte mir die lange Strecke von gestern noch in den Knochen, denn heute ging gar Nichts. Straßen, die man bis zum Horizont sehen konnte, schnurgerade, immer bergauf und bergab. Monoton und vorhersehbar, daher ernüchternd und ereignisarm. Die Hitze tat ihr Übriges, so dass ich mehrfach mit dem Gedanken spielte, sofort in ein Flugzeug zu steigen, aber es kam keins...

In Wiseppe
Schattiges Plätzchen

Der Asphalt war an einigen Stellen schon richtig weich und machte knackende Geräusche wenn man darüber fuhr, ähnlich dem Klang, wenn Luftpolsterfolie zerdrückt wird. Am Nachmittag hatte ich dann Glück, denn es fing an zu regnen. Ich betrachtete dies als einen Segen, denn so kühlte sich der gesamte Planet etwas ab.

In Artaise-le-Vivier
Dorfkirche

Gegen 15:00 Uhr war ich bereits in Chémery angekommen. Dann musste ich bei der Ferienwohnung anrufen, denn die Tür war verschlossen. „Est-ce que vouz parlez anglais ou allemande?!“, „Non, seulement français.“. Klasse, dachte ich, sagte meinen Namen und stammelte irgendwas von „Arrivee“, so dass er mich schlussendlich doch verstanden hat. Kurz darauf öffnete sich die Tür und seine Frau Marie begrüßte mich mit „Bisou, Bisou“.

Marie und Denis waren hervorragende Gastgeber. Sie herzten mich, als wäre ich ihr eigener Sohn. Als sie das vollgepackte Fahrrad sahen, schlug sich Denis mit der flachen Hand gegen die Stirn und sagte „À velo?! À velo!“ und lachte laut. Ehe ich mich versah, saß ich auf einem Gartenstuhl und hatte in der Rechten ein Bier und in der Linken etwas zu knabbern.

In Chémery
Angekommen

Ich habe mich sofort wie zu Hause gefühlt. Da Sonntag war, hatte das einzige Restaurant im Ort nicht geöffnet. Marie bestand darauf, mir etwas zum Abendessen zu machen - nur eine Kleinigkeit. Was sie mir dann servierte, war alles selbstgemacht und ausgesprochen köstlich. Und die Kleinigkeit war so viel, dass man zwei von meiner Sorte hätte satt bekommen.

In Chémery-sur-Bar
Abendessen

Chémery - Rocroy (60km)

Nach einer geruhsamen Nacht wartete schon das Frühstück auf mich. Marie und Denis waren wieder bester Laune, so dass der Morgen gleich doppelt gut anfing.

In Chémery
Marie, Denis und Ich (v. r. n. l.)

Heute wollte ich zur alten Festungsstadt Rocroy. Der Wetterbericht verhieß nichts Gutes und so machte ich mich zügig auf den Weg. Von leichtem Nieselregen einmal abgesehen, herrschten optimale Bedingungen für eine Ausfahrt. Es war deutlich abgekühlt, so dass sich auch die zahlreichen Anstiege ohne Probleme bewältigen ließen. Auch der Regen hörte kurz nach dem Aufbruch auf, so dass ich die Regenjacke wieder verstauen konnte.

In Vendresse
Resteverwertung

Nach knapp 20 Kilometern und einer schönen langen Abfahrt treffe ich Marie und Denis wieder. Sie hatten sich gemerkt, wo ich heute hin wollte und warteten in einem kleinen Dorf auf mich. Marie begrüßte mich mit „Heeeyyy - Speedy González!“, woraufhin ich in die Eisen ging, dass die Reifen quietschten und ich laut loslachen musste. Sie sagte, sie wollten unbedingt noch ein Foto von mir, wie ich auf dem Fahrrad sitze. Einfach herrlich, die Beiden!

In Les-Ayvelles machte ich eine Pause in einer Bäckerei. In der ausliegenden Zeitung konnte ich erkennen, dass die Unwetter der letzten Tage einige Schäden - unweit von meiner aktuellen Position - angerichtet hatten, so dass ich sehr froh war, dem entgangen zu sein. Auch in Charlesville-Mézières konnte man deutlich an der braunen Färbung der Maas erkennen, dass in den letzten Tagen einiges an Niederschlag herunter gekommen war.

Charleville-Mézières
Die Maas führt Hochwasser

Heute passierte ich auch die südlichen Ardennen. Sie sind hier nicht ganz so hoch, stellen aber trotzdem eine schweißtreibende Angelegenheit dar. In Sormonne bog der Weg plötzlich scharf nach rechts ab und aus der Straße wurde ein winziger, grobkörniger Waldweg, der sich ca. 5 Kilometer steil bergauf durch menschenleeres Gebiet schlängelte. Dann stand ich auf einer Kuppe und hatte ein befreiendes Gefühl, da ich dachte, ich hätte es für heute mit den Anstiegen geschafft. Natürlich war dem nicht so. Nach einer langen Abfahrt ging es nun auf einer Asphaltstraße weiter, vorbei an einem Steinbruch und fortan immer weiter bergauf und tiefer in die schier endlosen Wälder der Ardennen hinein.

Gegen 15:00 Uhr erreichte ich Rocroy und war heilfroh, da es gerade begann, wie aus Kübeln zu schütten. Ich wusch ein paar Dinge - mich inklusive - und machte es mir bequem.

In Rocroy
„Ausblick“ aus dem Kabuff

Nachdem der Regen aufgehört hatte, machte ich noch einen kleinen Spaziergang innerhalb der Festungsmauern und aß zu Abend.

Blick über Rocroy
Blick über Rocroy

Wieder einmal musste ich feststellen, dass man nicht unbedingt das bekommt, was man glaubt, bestellt zu haben. Eine Terrine ist nicht etwa - wie ich dachte - ein kleines Süppchen, nein, es handelt sich hierbei um eine Fleischpastete. Sah komisch aus, war aber durchaus schmackhaft. Morgen geht es dann weiter in Richtung Nord-Pas-de-Calais.